Tolles musikalisches Präsent
Weihnachts-Jazz im Kulturzentrum: Drei Formationen, drei Glanznummern
St. Wendel. Eines ihrer schönsten Weihnachtsgeschenke finden zahlreiche Freunde des St. Wendeler Jazz nicht unter dem Weihnachtsbaum, sondern beim alljährlich stattfindenden Weihnachtsjazzkonzert, das wie immer Ernst Urmetzer als Vorsitzender des Jazz Förderkreises St. Wendel organisiert hat. Auch dieses Jahr versammelten sich im St. Wendeler Kulturzentrum in Alsfassen wieder mehrere hundert Menschen, um mit gemütvoller Musik das Weihnachtsfest geruhsam und stimmungsvoll ausklingen zu lassen. Für Feststimmung sorgten dieses Mal drei verschiedene Formationen, bei deren ruhigen bis energiegeladenen Stücken sich das St. Wendeler Publikum nach den manchmal hektischen Weihnachtstagen entspannen konnte.
Gemütlich und relativ ruhig ging es auch los mit dem Gitarrentrio "Inner Urge". Die drei Jungmusiker aus der unmittelbaren Umgebung von St. Wendel, Sven Prokaska (Gitarre), Stefan Scharle (Bass) und Peter Morsch (Schlagzeug), stellten zunächst mit Swing-Titeln ihr technisches Können unter Beweis, bevor sie mit immer virtuoseren Funk-Titeln die Herzen vieler Zuhörer schneller schlagen ließen. Morsch fand das "Ansagen der Titel schlimmer als das Spielen selbst", und im Spielen waren die drei sympathischen Jazzer, die erst seit einem Jahr gemeinsam musizieren, voll in ihrem Element: Ihre ganze Aufmerksamkeit und Energie widmeten sie ihren Instrumenten. Nach dem ganz unweihnachtlichen "Huhn" konnte man bei einem einfühlsamen "Bossanova" zum Augenschließen und Träumen Weihnachten vor dem inneren Auge noch einmal Revue passieren lassen.
Mit kräftigen und schwungvollen Klängen und Rhythmen verabschiedete sich das Trio und überließ die Bühne der zweiten Band des Abends, den "vier (f)linken Händen" Frank Spaniol (Baritonsaxofon), Martin Schmitt (Altsaxofon), Alexander Beierbach (Alt- und Sopransaxofon) und Michael Schlöder (Tenorsaxofon). Dass alle vier jedoch sowohl eine linke als auch eine rechte Hand besitzen und diese ganz fabelhaft einzusetzen wissen, davon zeugte ihr Auftritt, mit dem sie sich sofort in die Herzen der Zuhörer spielten. Diese energiegeladene Truppe hatte keine Verstärker nötig, im Gegenteil: so konnte man ihr virtuoses, genaues und lautstärkemäßig sauber differenziertes Spiel besser verfolgen und die einzelnen Melodieverläufe deutlicher heraushören. Die jungen Männer boten viele Eigenkompositionen oder zumindest von ihnen für Saxofonquartett arrangierte Stücke, von Spaniol angekündigt, der sich freute, in seiner "Heimat endlich mal die Titelansage auf echt saarländisch machen" zu können. Die Musiker waren selbst immer voller Bewegungsdrang und auch kaum ein Zuhörer saß bei ihrer Musik ruhig da. Zumindest die Füße wippten mit, wenn nicht auch die Köpfe oder gar der ganze Körper. Dabei war das Publikum fasziniert von den teils ungewöhnlichen, teils spaßigen Vorträgen dieser eher seltenen Instrumentenzusammenstellung. Insgesamt begeisterten die Jazzer aus Leib und Seele mit ruhigen und sanften Swing-Titeln, bei denen die Zuhörer alle Spannungen aus sich herausfließen lassen konnten. In seiner eigenen Ballade "Searching" erwies sich Spaniol mit sehnsuchtsvollen Solomelodien als großer Könner auf seinem Gebiet. In Schlöders "Quartett" begeisterten Schmitt und Beierbach das Publikum durch ein spaßiges Wechselspiel im Duett. Mit viel Humor beschlossen sie ihren Auftritt mit dem Stück "Funky", das nach einer klassischen Eröffnung zur Jazznummer par Excellenze wurde.
Für die eingefleischten Jazz-Liebhaber war alles Bisherige die Aufwärmphase für den Höhepunkt des Abends: Schon mit ihrem ersten Beitrag brachten Matthias Ernst an einer Original-Hammond-Orgel, der Gitarrist Ivo Müller und der Schlagzeuger Hendrik Schneider die Stimmung im Saal zum Kochen. Mit ausgelassenen Stücken in wilden Rhythmen bot das Trio "HammondEx" eher die härtere Spielart der Jazzmusik, ohne Noten, aus Kopf und Herz und mit optimaler Teamarbeit. Ernst war an der Orgel gar nicht mehr zu bremsen an Kreativität beim Improvisieren: Mal strich er über das ganze Manual von oben nach unten, mal ließ er einzelne Akkorde vibrieren, verzierte Töne mit Trillern oder spielte bei häufigen Tonwiederholungen mit verschiedenen Rhythmen. Der spezielle Klang der Hammond-Orgel sorgte dafür, dass die zahlreichen New Orleans-Titel besonders ursprünglich wirkten. Mit virtuosen Gitarrensoli beeindruckte auch Müller das Publikum. Das Schlagzeug beschränkte sich meist auf die Begleitung. Dass das nicht so sein muss, davon gab Schneider in einem grandiosen Solo eine kleine Kostprobe. Die drei "alten Hasen" zeigten sich noch nach Mitternacht in Hochform und ließen so das Weihnachtsfest ausklingen.
Friederike Trippen für die Saarbrücker Zeitung vom 30.12.2002